Vorwort

Peter Micheuz
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt

 

"Ob es besser wird, wenn es anders wird, weiß ich nicht.
Dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll, ist gewiss."
[Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher Heft K (293]

 

 

Die zunehmende Durchdringung des Alltags mit Digitaltechnologien und die unaufhörliche Informatisierung moderner Gesellschaften schreiten seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts unaufhaltsam voran. Waren es einst noch kostspielige PCs für speziell interessierte Hobby-Informatiker, so sind heute Informatiksysteme wie vernetzte PCs, Note-books und Smartphones zu alltäglichen und unverzichtbaren Medien für eine breite Masse geworden. Der Computer hat in einem Viertel Jahrhundert eine in dieser Geschwindigkeit nicht vorauszusehende Entwicklung vom programmierbaren Rechner über ein universell einsetzbares Werkzeug zum ubiquitären digitalen Medium genommen und damit auch in Schulen eine Metamorphose durchgemacht, die sich heute, theoretisch betrachtet, in den komplex verwobenen Begriffen Informatik, IKT sowie Medienbildung widerspiegelt und dadurch in der Praxis Zuordnungsprobleme schafft. Unterschiedliche Sichtweisen auf diese unscharfen Begriffe führen vor allem im Bildungsbereich zu Interpretationsfragen, auf die es (noch) keine schlüssigen Antworten gibt. Die latente Debatte zur Legitimation des Informatikunterrichts, die suboptimale IT-Integration in anderen Schulfächern sowie der Mythos von digital-transformierten Schulen unterstützen diese These.

Im vorliegenden Tagungsband werden zwar keine ultimativen Antworten gegeben. Aber im Verbund mit den Ergebnissen des Symposiums „25 Jahre Schulinformatik“ sollten uns die Beiträge sowohl in der Theorie als auch mittelfristig in der schulischen Praxis einen Schritt vorwärts bringen. Die Geschichte wird urteilen, ob es ein großer oder kleiner gewesen ist. 

Der Sinn von Konferenzen bzw. Symposien erschließt sich unmittelbar aus (physischen) Zusammenkünften von - um ein Modewort zu gebrauchen - Communities of Practice, und mittelbar durch Horizonterweiterung und Erfahrungsaustausch, durch den Diskurs unterschiedlicher Standpunkte sowie der Bündelung ähnlicher Interessen und schließlich durch Verfolgung gemeinsamer Ziele.

Speziell im letzten Jahrzehnt ist ein Trend zur Medialisierung bzw. Instrumentaliserung digitaler Technologien für moderne Lernarrangements nicht zuletzt an der Fülle einschlägiger Fachkonferenzen zum Thema „E-Learning“ festzustellen. Auch andere Communities of Prac-tice wie die der Systemadministratoren oder der Mitglieder des Vereines „ECDL an Schulen“ veranstalten jährlich nationale Fachtagungen (AINAC, ECDL-Kongress).  Wo aber bleibt die Community of Practice der Schulinformatiker? Viele potenzielle Mitglieder, auch Pioniere unter den Informatiklehrkräften, sind quasi eingewoben in die oben genannten Netzwerke, in diesen oft hoch aktiv, und auch auf diversen Tagungen und Fortbildungsveranstaltungen anzutreffen. Für viele trifft das Faust’sche Dilemma „Zwei (mehrere) Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, […]“ im übertragenen Sinn zu. Nicht zuletzt ist es auch Ziel dieses Symposi-ums, dass sich so manche „Zerrissenen“ ihrer informatischen Seele (wieder) bewusst werden.

Ein Viertel Jahrhundert ist für die dynamische Entwicklung der Universalmaschine Computer und die damit verbundene Herausforderung an das Bildungssystem, darauf angemessen zu reagieren, nahezu eine Ewigkeit. Wer sich allerdings mit Bildungsprozessen und der Steuerung von Schulsystemen beschäftigt, liegt nicht ganz falsch, mindestens in diesen Zeiträumen zu denken. Denn informatische Bildungsziele und -inhalte folgen nicht dem Moore’schen Gesetz, wie im Vorwort des 13. Tagungsbandes zur INFOS, der größten deutschsprachigen Fachtagung zu Informatik in der Schule, festgestellt wird. Und weiter, „wer heute etwas ändert, kann die volle Wirkung dessen erst in den nächsten Jahren oder gar Jahrzehnten erleben.“ 

Die Ähnlichkeit in der Namensgebung dieses Symposiums „25 Jahre Schulinformatik – Zukunft mit Herkunft“ mit der vorjährigen 13. Schulinformatik-Fachkonferenz in Ber-lin/Deutschland und dem Titel „25 Jahre INFOS - Informatik und Schule - Zukunft braucht Herkunft“ ist nicht ganz zufällig. War es bei unserem Nachbarn Deutschland die erste nationale Fachtagung INFOS in Berlin 1984, die Anlass zu einem 25jährigen Jubiläum bot, so bezieht sich das aktuelle Symposium „25 Jahre Schulinformatik” - auf einen (schul)politischen Kraftakt im Frühjahr 1984, im Zuge dessen im Schuljahr 1985/86 die Informatik in den Pflichtfächerkanon der Oberstufe der allgemeinbildenden höheren Schulen in der 9. Jahrgangsstufe auf Verordnungswege aufgenommen wurde.

An dieser Stelle darf auch an die englischsprachige Tagung ISSEP (Informatics in Secondary Schools - Evolution and Perspectives, http://issep.uni-klu.ac.at) erinnert werden, die vor fünf Jahren anlässlich 20 Jahre Schulinfomatik an der Universität Klagenfurt ins Leben gerufen wurde. Neben vielen österreichischen Fachdidaktikern konnten auch zahlreiche Teilnehmer aus dem Ausland begrüßt werden. Aus dieser Konferenz gingen zwei Tagungsbände mit den Titeln „From Computer Literacy to Informatics Fundamentals“ und „Innovative Concepts for Teaching Informatics“ hervor. Erfreulicherweise gab es in der Zwischenzeit drei weitere in-ternationale ISSEP-Konferenzen in Vilnius/Litauen (2006), Torun/Polen (2008) und Zü-rich/Schweiz (2010). Für die fünfte Tagung dieser Konferenzserie im Oktober 2011 in Bratislava (Slowakei) darf auch eine namhafte österreichische Beteiligung erwartet werden.

An den österreichischen Universitäten wurde die Informatik gesetzlich bereits im Jahr 1969 verankert (im gleichen Jahr wurde am Gymnasium Kalksburg in Wien ein Pilotversuch eines Lehrgangs EDV eingerichtet). Nach dem Start an der Johannes Kepler Universität Linz, wird das Informatik-Studium in Österreich inzwischen an zehn Universitäts-Standorten angeboten. Am 24. April 2009 fand an der Johannes Kepler Universität Linz die Festveranstaltung „40 Jahre Informatik-Studium in Österreich“, untertitelt mit „Informatik macht Zukunft - Zukunftsmacht Informatik“, statt. Dazu existiert eine Publikation, die ebenfalls in der OCG-Schriftenreihe erschienen ist, allerdings „post festum“ und mit dem leicht geänderten Untertitel „Informatik macht Zukunft – Zukunft macht Informatik“. Ob dies beabsichtigt war, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Der syntaktische Unterschied ist marginal, der semantische groß. Auf die Schulinformatik bezogen, kann von einer „Zukunftsmacht Informatik“ nicht die Rede sein. Schon eher trifft der gleichsam triviale wie zu hinterfragende Slogan „Zukunft macht (Schul)Informatik“ zu. Es gilt, nicht zuletzt durch diesen Tagungsband und das Symposium sowie durch eine aktive Gemeinschaft die Schulinformatik zu stärken und damit die Zukunft der Schule bzw. die Schule der Zukunft mitzugestalten. Und zwar nicht mit Informatik als „nice to have“, sondern im 21. Jahrhundert als „must be“. Auch in der Sekundarstufe I.

Der Untertitel dieses Tagungsbandes „Zukunft mit Herkunft“ klingt zwar banal, suggeriert aber in unaufdringlicher Weise, dass das Symposium in die Zukunft gerichtet ist, ohne jedoch die Wurzeln und die Geschichte der Schulinformatik aus den Augen zu verlieren.

Im Unterschied zu „40 Jahre Informatik-Studium in Österreich“ ist dieser Tagungsband nicht als Festschrift konzipiert. Dies hat nichts zu tun mit dem Ignorieren großer historischer Verdienste österreichischer Pioniere der Schulinformatik, sondern mit der Schwierigkeit, eine faire Auswahl und Bewertung unter den vielen möglichen verdienstvollen Kandidaten vorzunehmen, ohne jemanden zu übersehen. Außerdem ist zu bezweifeln, ob die derzeitig
durchwachsene und verbesserungsfähige Situation rund um die österreichische Schulinformatik zum Feiern Anlass gibt.

Der vorliegende Tagungsband wird in der Schulpraxis kurzfristig und unmittelbar nichts ändern, denn Papier ist geduldig. Unabhängig davon gibt es (immer noch) viele Akteure auf allen Ebenen des Bildungssystems (Schule, mittlere Schulverwaltung, Bildungsministerium sowie Aus- und Weiterbildungsinstitutionen wie Pädagogische Hochschulen und Universitäten), denen die Weiterentwicklung der Schulinformatik ein großes Anliegen ist. Für diese stellt diese Publikation dank der Tiefe und Breite der publizierten Beiträge nicht nur ein historisches Dokument zur Bestandsaufnahme der Schulinformatik im Jahr 2010 dar, sondern kann - vor allem an allgemein bildenden Schulen – für sachpolitische Entscheidungen und Neupositionierungen im Umfeld informatischer Bildung dienlich sein.

Dem Organisationsteam war es ein Anliegen, für diesen Tagungsband und das Symposium nicht nur etablierte Vorreiter, Vordenker und Schulpraktiker aus allen Schultypen Österreichs, sondern auch aus unseren Nachbarländern zu gewinnen. Es wechseln sich umfangreiche Artikel hoher wissenschaftlicher Stringenz mit kurzen, subjektiv gefärbten Erfahrungsberichten ab. Visionäre Beiträge finden sich hier ebenso wieder wie Artikel, in denen reale Probleme der Schulinformatik auch konkret angesprochen werden. Man kann und soll aber bei gutem Willen halbleere Gläser auch als gut gefüllt sehen. Für diese Sichtweise sorgen Beiträge, in denen die positiven Entwicklungen in vielen Schulen aufgezeigt werden. Besonders hervorzuheben sind die erfreulichen Initiativen im Volksschulbereich.

Die Herausgeber wünschen sich für die Informatik an Österreichs Schulen strukturelle Verbesserungen und ein Gesamtkonzept informatischer Bildung für alle Schulstufen. Das Ziel ist ein für die Jugend angemessener Medienkompetenzerwerb auf Basis eines systematischen Informatikunterrichts, der auch begeistern kann, den Gestaltungswillen fördert und das Kreativitätspotenzial ausschöpft, aber auch zur kritischen Reflexion anregt.

Bleibt nur noch besonderen Dank allen auszusprechen, die zum Gelingen dieses Tagungs-bandes und des Symposiums beigetragen haben. Den vielen Verfassern der Beiträge, dem Redaktionsteam, der Pädagogischen Hochschule Niederösterreich, dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur und der Österreichischen Computergesellschaft. 

Archiv bis 2010
www.schulinformatik.at